Bankiers und soziale Normen: Unehrlichkeit ist eine Frage der Unternehmenskultur

Bankangestellte sind nicht unehrlicher als andere Menschen. Allerdings kann die Unternehmenskultur unehrliches Verhalten begeünstigen, so eine in “Nature” veröffentlichte Studie, an der auch Ernst Fehr mitwirkte.

Bankiers und soziale Normen: Unehrlichkeit ist eine Frage der Unternehmenskultur

Kann man Bankiers vertrauen? Eine Frage, die vor allem deshalb gestellt wird, weil die Skandale der vergangenen Jahre das Vertrauen der Allgemeinheit in die Bankenwelt erschüttert haben. Sie machen es auch nötig, wissenschaftlich zu untersuchen, ob überhaupt etwas dran ist am Stereotyp des risikofreudigen Bankers, der für schnelle Gewinne auch unehrliche Empfehlungen abgibt und Entscheidungen trifft, die der Allgemeinheit schaden.

Um dies herauszufinden, haben sich die Ökonomieprofessoren Ernst Fehr, Michel Maréchal und Alain Cohn eines neuen Forschungsansatzes bedient, der auf der ökonomischen Identitätstheorie beruht. Diese geht davon aus, dass Individuen verschiedene ­soziale Identitäten haben, die unter anderem von ihrem Geschlecht, ihrer Herkunft und auch von ihrer Arbeit herrühren.

Die Ergebnisse sind nun im renommierten Journal “Nature” erschienen (“Business culture and dishonesty in the banking industry“) und schlagen auch ausserhalb der Fachwelt bereits hohe Wogen.

Die Versuchsanordnung: 200 Probanden wurden nach Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt. Beide Gruppen mussten einen Fragebogen beantworten, in dem es um persönliche Befindlichkeiten und Alltagsdinge ging. Bei der einen Gruppe – der Experimentalgruppe – wurden sieben Fragen zum beruflichen Hintergrund hinzugefügt; dies in der Absicht, den Probanden ihre Tätigkeit als Bankangestellte bewusst zu machen. Die Kontrollgruppe bekam dagegen sieben Zusatzfragen ohne beruflichen Bezug.

Dann begann das eigentliche Experiment: Alle Versuchsteilnehmenden wurden aufgefordert, zehnmal eine Münze zu werfen und – ohne Überwachung – aufzuschreiben, ob Kopf oder Zahl obenauf lag. Der Clou dabei war, dass die Teilnehmenden bei jedem Wurf im Voraus wussten, welche Münzseite obenauf ­liegen musste, damit sie die Belohnung von 20 Dollar bekamen.

Bestenfalls ­hätten sie 200 Dollar verdient, bei einer Chance von 50 Prozent pro Wurf. Die von den zwei Versuchsgruppen gemeldeten Resultate wichen signifikant voneinander ab. Bei der Kontrollgruppe beliefen sich die belohnten Münzwürfe auf 51,6 Prozent, was nicht allzu sehr von der Fifty-fifty-Wahrscheinlichkeit abweicht. Die Experimentalgruppe hin­gegen, die kurz vor den Münzwürfen auf ihr berufliches Umfeld sensibilisiert worden war, meldete 58,2 Prozent «erfolgreiche» Münzwürfe. Tatsächlich lag der Probandenanteil in der Experimentalgruppe, der falsche Angaben machte, mit 26 Prozent deutlich höher als in der Kontrollgruppe (16 Prozent).

Das Ergebnis zeigt, dass sich die Angestellten einer grösseren, international tätigen Bank signifikant unehrlicher verhalten, wenn man ihnen ihre Rolle als Bankangestellte ins Bewusstsein ruft, sofern Unehrlichkeit mit finanziellen Gewinnen verknüpft ist.

Werden die Angestellten hingegen auf ihre Rolle in der Freizeit eingestimmt, verhalten sie sich im Durchschnitt so ehrlich wie andere Berufsgruppen auch, selbst wenn sie von der Unehrlichkeit profitieren könnten.

Fazit:

Menschen nehmen im sozialen Leben diverse Rollen ein und folgen damit auch unterschiedlichen Normen. Das heisst, Bankmitarbeiter sind an sich nicht weniger ehrlich als andere Berufstätige, aber die Unternehmenskultur kann im beruflichen Umfeld auf sie abfärben – und in manchen Fällen Unehrlichkeit fördern.

Die wirksamste Massnahme dagegen ist, eine Unternehmenskultur zu schafffen, in der höchsten Wert auf Korrektheit gelegt wird. Mittels Gruppendruck, Whistleblowing und harten Konsequenzen bei Normverletzungen (sprich: Entlassungen) kann die diese wieder so ausgerichtet werden, dass sie das Vertrauen in die Institution als Ganzes fördert.

Beide dieser wissenschaftlich evident begründeten Erkenntnisse dienen übrigens FehrAdvice schon seit längerer Zeit als Grundlage für viele erfolgreiche Beratungsprojekte.

Nature: Business culture and dishonesty in the banking industry

  • Linus Huber

    Es wäre interessant, solch eine Untersuchung im Falle der Zentralbanker vorzunehmen. Geldentwertung ist in sich ein dubioser Vorgang legalisierten Diebstahls und verzerrt die wichtige Funktion der Preisfindung. Ebenfalls beruht Geld auf Vertrauen und wenn Währungen einer dauerhaften Entwertung unterliegen, leidet langfristig das Vertrauen der verschiedenen Akteure innerhalb der Gesellschaft. Einzig weil Entwertung langsam abläuft, sollten wir nicht die Augen vor den langfristigen Folgen dieses institutionalisierten “Moral Hazard” verschliessen.