Buchvorstellung: Matthias Sutter “Die Entdeckung der Geduld. Ausdauer schlägt Talent”

Wer heute warten kann, hat morgen mehr davon: Matthias Sutter zeigt in seinem neuen Buch, warum Geduld der Schlüssel für ein erfolgreicheres Leben ist.

Matthias Sutter: Die Entdeckung der Geduld

Schon die Kleinen erleben deutlich, dass sich ein wenig Warten auszahlen kann. Das mag wie beim häufig zitierten Marshmallow-Experiment von Walter Mischel ein zweiter Marshmallow sein, mit dem das geduldige Kind nach einer Viertelstunde Ausharren belohnt wird. Oder es sind Gummibärchen wie im einführenden Kapitel von Matthias Sutters Buch „Die Entdeckung der Geduld. Ausdauer schlägt Talent“.

Der Ökonom (und regelmässige Autor unseres Blogs) präsentiert darin verschiedene Längsschnittstudien, in denen der Zusammenhang zwischen kindlicher Geduld und späteren Lebensumständen aufgezeigt wird. Dieselben Kinder, die ihr Verlangen nach Süssigkeiten bändigen konnten, sind in Folgeuntersuchungen als Erwachsene oftmals erfolgreicher, gesünder, weniger suchtgefährdet oder kriminell und seltener alleinerziehend.

Und all dies sind Problemfelder, die nicht nur auf individueller Ebene von Bedeutung sind, sondern die Wirtschaft und Funktionsfähigkeit einer ganzen Gesellschaft betreffen.

Interventionen können Geduldsdefizite ausgleichen

Natürlich mischen auch andere Faktoren am Werdegang eines Menschen mit, etwa der familiäre Hintergrund oder die Intelligenz. Auch Verlässlichkeit von Bezugspersonen und Sprache tragen ihren Teil bei, wie Sutter zeigt. Da Kinder diese Faktoren nicht beeinflussen können, forscht die Verhaltensökonomie nun an möglichen Interventionen, um Menschen zu positiven langfristigen Entscheidungen zu bewegen, die meist auch von Geduld geprägt sind.

Ein Beispiel sind Opt Out-Modelle in der betrieblichen Pensionsvorsorge: „Im Erwachsenenalter begegnen uns die Entscheidungen zwischen dem ‚weniger heute’ und dem ‚mehr morgen’ fast täglich,“ schreibt Sutter. „Eines der prominentesten und bedeutendsten Beispiele ist die Frage nach der Altervorsorge.“ Da die staatliche Pensionsvorsorge aufgrund der steigenden Lebenserwartung und vieler anderer Faktoren keine angemessene Rentenzahlung garantieren kann, muss auch privat vorgesorgt werden. Das kostet Geld – und bedeutet heute auf etwas zu verzichten, um die Früchte des Verzichts erst später zu ernten: mit einem sorgenfreieren Leben im Alter.

Die Geduld, die es dazu braucht, scheint laut den zahlreichen im Buch zitierten Experimenten genetisch veranlagt. Ausserdem hängt das Durchhaltevermögen von Kindern stark von den Eltern ab. Deren Ungeduld oder Gelassenheit überträgt sich in der Regel auch auf den Nachwuchs.

Doch wie wie sich zeigt, kann Geduld auch gefördert werden. Sutter in einem Interview zu seinem Buch in der ZEIT:  “Es gibt psychologische Studien, bei denen die Teilnehmer kognitive Trainings durchlaufen haben. Sie mussten zum Beispiel über vier Wochen jeden Tag eine halbe Stunde lang Zahlenreihen auswendig lernen, die ständig länger wurden – eine komplexe Aufgabe, die sehr viel Konzentration und Geduld erfordert. Die Trainings hatten zum Teil bemerkenswerte Effekte. Die Teilnehmer lernten anschließend regelmäßiger und besser auf Prüfungen. Einige Teilnehmer, die zu starkem Alkoholkonsum neigten, tranken später sogar weniger.”

Links:

  • Vielleicht hätte Matthias in Klammern “(zumindest in den USA und Europa)” dahinter schreiben sollen.
    Life-History-Phänomene sind im Zusammenhang mit Walter Mischels Experimenten besonders wichtig.
    Ein ganzes Buch darüber? Bis ich es mir angeschaut habe, hoffe einstweilen, dass die Darstellungen nicht dem Survivorship unterliegen.