Frühkindliche Bildung: Geduld ist gut, Vertrauen ist besser

Kinder, die sich in Geduld üben können, haben es leichter im Leben. Das besagt das vielzitierte Marshmallow-Experiment aus den 1960er Jahren. Doch was stösst geduldiges Verhalten an? Ein Experiment zeigt nun: Das Warten muss sich tatsächlich lohnen.

Frühkindliche Bildung: Geduld ist gut, Vertrauen ist besser
Lizenz: Public Domain

Stanford-Professor Walter Michel führte in den 60er-Jahre eine der wohl berühmtesten Verhaltensexperimente mit Kleidern um – den so genannten “Marshmallow-Test”, hier in einer Neuauflage auf Youtube anzusehen. Dabei setzte er Kindern einen Marshmallow vor die Nase und versprach eine weitere Leckerei, sollten sie sich mit dem Naschen eine Viertelstunde gedulden können. Wichtig ist das Experiment vor allem wegen der Folgeuntersuchungen, die mit den teilnehmenden Kindern durchgeführt wurden.

Jene die länger durchhielten, taten sich auch im späteren Leben mit vielem leichter. Die geduldigeren Kinder schlossen mit besseren Noten ab, achteten mehr auf ihre Gesundheit, waren beruflich erfolgreicher und ausserdem beziehungsfähiger. Diese ernorm populären Ergebnisse zeigen, dass Intelligenz nicht alles ist, sondern Impulskontrolle und Geduld dazu beitragen, eine Prüfung nicht einfach sausen zu lassen oder sich schnellen Affären hinzugeben.

Celeste Kidd, Assistant Professor of Brain & Cognitive Sciences an der University of Rochester, bezweifelt allerdings, dass schon allein mit einem ausreichend Mass an Selbstkontrolle das Leben automatisch auf Erfolg gepolt wird. Als Studentin hatte sie in Notunterkünften gearbeitet. Und sie konnte sich vorstellen, dass die Kinder dort 15 Minuten vor einem Marshmallow ausharren würden. Aufgrund ihrer labilen Situation und ihrer Unsicherheit, wie das Leben weiter gehe, sei das kindliche Vertrauen in die Versprechen der Erwachsenen nur schwach ausgeprägt, so so Kidds Annahme – und das könne sich auch auf das Verhalten in einem Marshmallow-Experiment auswirken.

Abgewandelter Marshmallow-Test

Für ihre Version des Marshmallow-Tests baute zwei Vorstufen ein. Den drei- bis fünfjährigen Probanden wurden gebrauchte Malstifte gebracht und ein neues Set versprochen, wenn sie ein paar Minuten abwarten. In der zweiten Runde sahen die Kinder einen Aufkleber, der durch einen schöneren Sticker ausgetauscht würde, wenn sie sich wieder eine Weile gedulden könnten.

Für die Hälfte der jungen Teilnehmenden erfüllten sich die Versprechen, die andere Hälfte bekam weder neue Stifte noch hübschere Aufkleber, sondern wurde mit Entschuldigungen abgespeist.

Erst dann kam Mischels Marshmallow-Test zum Einsatz. Das Ergebnis: Nur noch eines der 14 zuvor enttäuschten Kinder wollte auf ein weiteres Goodie warten, im Gegensatz zu neun von 14 Kindern, bei denen in den Vorrunden die Versprechen gehalten worden waren.

Kalkuliertheit versus Selbstkontrolle

Auf Nachfrage von Bloomberg Businessweek bei Walter Michel selbst stellte sich heraus, dass sich auch er sich mit dem Einfluss von Vertrauen und Zuversicht auf das Verhalten beschäftigt hatte. Er verweist dabei auf Studien, von denen sich eine mit den Folgen einer Kindheit in einem vaterlosen Haushalt befasst hatte, etwa auf die Fähigkeit, Belohnungen hinauszögern zu können.

Businessweek-Autor Jeff Bennett erkennt jedoch Unterschiede in Mischels und Kidds Herangehensweise:

The descriptions of Mischel’s work have focused mainly on determination and grit, and many of the charter schools and educational researchers that have taken the marshmallow results to heart tend to see self-control as a unitary quality that can explain both our childhood decisions and our adult outcomes. In Kidd’s study, the willingness to wait is more of a situational trait. Rather than being engaged in a desperate struggle against their own appetites, the young subjects of her study were carefully calculating the likelihood that they would actually get a second marshmallow.

Oder wie Bennett auch schreibt:

Nach Kidd hängt Geduld auch davon ab, ob wir es schaffen, Kinder davon zu überzeugen, dass sich das Warten tatsächlich lohnt.

Quelle: Celeste Kidd, Holly Palmeri, Richard N. Aslin, Rational snacking: Young children’s decision-making on the marshmallow task is moderated by beliefs about environmental reliability, University of Rochester, 2012

  • Natürlich liefern Marshmallowexperimente Indizien auf die Intelligenz von Kindern.

    Aber intelligente Kinder lassen sich auch nicht verarschen.

    In Rechtstheorie und Kriminologie ist das ein ganz heisses Eisen!