Leben und Werk des Nobelpreisträgers Jean Tirole

Der französische Ökonom und Nobelpreisträger Jean Tirole hat ein beeindruckendes Werk vorzuweisen – und neben der Industrieökonomik auch zur Verhaltensökonomie geforscht.

Leben und Werk des Nobelpreisträgers Jean Tirole
Jean Tirole. Bildlizenz: CC BY-SA 3.0

“Ich hoffe, dass mir die Leute jetzt eher zuhören als früher“, sagte der französische Ökonom Jean Tirole, nachdem bekanntgegeben wurde, dass er in diesem Jahr den Wirtschafts-Gedächtnispreis der schwedischen Reichsbank bekommt. Das ist zugegebenermassen etwas tief gestapelt, denn Tirole ist einer der einflussreichsten Wirtschaftswissenschafter der Gegenwart, dessen Arbeit als Grundlage für die Wirtschaftspolitik in vielen Nationen dient.

Tiroles Spezialgebiet ist die Industrieökonomik, insbesondere die Regulierung von Märkten, die nicht dem Ideal vom perfekten Wettbewerb entsprechen. Tirole beschäftigt sich mit Fällen, in denen der Markt entweder von einem einzigen Monopolisten beherrscht wird, wie es in Europa lange Zeit vor allem bei Eisenbahnen oder Telefonnetzen der Fall war, oder von Oligopolen, wo wenige gleich starke Firmen den Markt unter sich aufgeteilt haben, wie etwa auf vielen Energiemärkten.

In beiden Fällen gibt die Marktstruktur den Firmen zu viel Macht. Bei einem Monopol kann die marktbeherrschende Firma die Preise festlegen, Oligopole bergen die Gefahr, dass sich die Firmen absprechen. In beiden Fällen bezahlen Kunden höhere Preise als auf einem von Wettbewerb geprägten Markt.

Gemeinsam mit Laffont entwickelte Tirole spieltheoretische Modelle, wie Regulierungsbehörden diese Probleme besser lösen können. Sie zeigen, dass Auflagen, die für eine Branche richtig sind, nicht unbedingt für eine andere passen müssen. So kann eine Fusion von Firmen in einem Fall Innovationen befördern, in einem anderen dagegen den Wettbewerb verhindern.

Und nicht immer, so Tirole, ist die Entmachtung der Firmen dabei der beste Weg: Oft funktioniert es besser, sie mit strategischen Tricks zur Kooperation zu bewegen. Diese Erkenntnisse bilden heute unter anderem die wissenschaftliche Grundlage für die Wettbewerbspolitik der EU.

Eine besondere Rolle spielen in Tiroles Arbeiten zur Regulierung sogenannte “two-sided-markets” (Plattform-Märkte). Dort bedienen Firmen zwei unterschiedliche Gruppen von Kunden. So bietet zum Beispiel Google seinen Nutzern eine Suchmaschine und seinen Werbekunden eine Plattform für ihre Anzeigen.

In solchen Märkten ist die optimale Preisgebung anders als auf einseitigen Märkten: Es ist zum Beispiel nicht unbedingt eine schädliche Nutzung von Marktmacht, wenn Google seinen Usern den Dienst kostenlos zur Verfügung stellt, den Werbekunden aber hohe Preise berechnet. Bei der Regulierung solcher “Plattform-Märkte” müssen Aufseher die Konsequenzen für beide Seiten bedenken.

Reaktionen: Wie Ökonomen und Journalisten auf Twitter dem Nobelpreisträger gratulierten











Jean Tiroles Karriere

Jean Tirole graduierte 1976 in Ingenieurwissenschaften an der École polytechnique und mit einem Diplôme d’études approfondies, Schwerpunkt Entscheidungsverfahren, an der Universität Paris-Dauphine. 1978 graduierte er wiederum in Ingenieurwissenschaften an der École Nationale des Ponts et Chaussées in Paris und promovierte 1978 in Quantitativen Methoden an der Universität Paris-Dauphine (Essais sur le Calcul Economique Public et sur le Taux d’Actualisation). 1981 schloss er ein ökonomisches Promotionsstudium zum Ph.D. am Massachusetts Institute of Technology (MIT) mit der Arbeit Essays in Economic Theory ab.

1981 wurde er Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Corps des ingénieurs des ponts et chaussées (CERAS) der Ecole Nationale des Ponts et Chaussées. Von 1984 bis 1992 war er Associate Professor, später Professor für Volkswirtschaftslehre am MIT. 1989 war er der Taussig Visiting Professor of Economics an der Harvard University. Von 1994 bis 1996 war er Professor an der École Polytechnique und hatte Gastprofessuren an der ENSAE, der Universität Lausanne und der Wuhan University inne. Er war Gastwissenschaftler an der Stanford University (1983) und der Princeton University (2002).

Tirole ist heute wissenschaftlicher Direktor des Institut d’économie industrielle (IDEI) an der Universität Toulouse I.

Jean Tiroles Beitrag zur Verhaltensökonomie

Viele der Arbeiten von Tirole basieren auf der Annahme, dass sich Menschen prinzipiell eigennützig und rational verhalten. Doch der Preisträger hat auch viel zur Verhaltensökonomie beigetragen. Bereits um die Jahrtausendwende erforschte er gemeinsam mit Josh Lerner, warum hochqualifizierte Programmierer ohne Lohn Open-Source-Software programmieren. Ihr Ergebnis: Teil der Motivation sind erhöhte Karrierechancen, weil die Beteiligten mit den Projekten ihr Können demonstrieren.

Besonders erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang auch seine Arbeiten mit Roland Bénabou. In “Intrinsic and extrinsic Motivation” (Paper») forschten dei beiden zur Wirkung von Incentives – und wann sie die intrinsiche Motivation einen guten Job zu machen zerstören.

In “Self-Confidence and Personal Motivation” (Paper») analysieren sie die Vorteile von Overconfidence (in Form gesteigerter Motivation) und zeigen, wie man diese Vorteile den möglichen Kosten gegenüberstellt – indem aufgrund von Overconfidence mehr Fehler passieren. Und auch in “Willpower and Personal Rules” (Paper») zeigt er sich als versierter Generalist an der Schnittstelle von Ökonomie und Psychologie.

Kompendium zur wissenschaftlichen Arbeit von Jean Tirole, zusammengestellt vom Economic Sciences Prize Committee of the Royal Swedish Academy of Sciences:

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