Wie Technologie die Welt verändert – eine Diskussion mit Daron Acemoğlu

Die Digital Academy of Behavioral Economics der FehrAdvice & Partners AG startete 2023 mit Daron Acemoğlu, einem Star der Verhaltensökonomie. Der Bestseller-Autor von Titeln wie “Why Nations Fail” und “The Narrow Corridor” ist Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und diskutierte mit unseren Gästen exklusiv über sein neuestes Werk, das er gemeinsam mit Si-mon Johnson, dem früheren Chefökonomen des Internationalen Währungs-fonds, schrieb: „Power and Progress. Our 1000-Year Struggle Over Technology & Prosperity“.

Wie Technologie die Welt verändert - eine Diskussion mit Daron Acemoğlu
Fotograf: Ethan Oelman

Über 130 Gäste folgten der Einladung der FehrAdvice & Partners AG, um mit Daron Acemoğlu über sein neustes Werk zu diskutieren, das im Mai 2023 am deutschsprachigen Markt erscheint. Es war spannend, von einem seit Jahren als Favoriten gehandelten Anwärter für den Wirtschaftsnobelpreis aus erster Hand zu erfahren, wohin technologischer Wandel führen kann und welche Risiken hier für uns persönlich aber auch für unsere Demokratien stecken.

Ich habe versucht, einige zentrale Erkenntnisse, die wir gemeinsam mit Daron im Rahmen der Digital Academy diskutierten, zusammenzufassen:

Der blinde Technologieoptimismus ist ein Irrweg

In ihrem neuesten Werk sehen Daron und sein Co-Autor die größten aktuellen Gefahren im überbordenden Technologie-Optimismus. Heute werden neue Technologien als die Lösung für alle großen Probleme der Menschheit gesehen – von der Armut bis zum Klimawandel. Doch das ist nicht so einfach, was sich laut Daron historisch belegen lässt. Laut den MIT-Forschern leben wir heute zwar komfortabler und sicherer und auch in einem größeren Wohlstand als unsere Ur-Ur-Großeltern im 18. Jahrhundert, aber der technische Fortschritt brachte nicht für alle Teile der Bevölkerung Vorteile mit sich. In vielen Fällen haben neue Technologien zu wirtschaftlicher, politischer und sozialer Ungleichheit geführt. Und nicht selten wurde eine neue Technologie sogar zu einer Waffe der Ausbeutung.

Automatisierung machte oft eine kleine Gruppe reich und viele arm

Historische Belege für ein – oft großes – Ungleichgewicht durch Automatisierung gibt es viele. Gut nachvollziehen lässt sich das zum Beispiel an den Webern in Großbritannien zu Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts, als diese durch an einer neuen Technologie, Maschinenwebstühle, erheblich produktiver wurden. In zahlreichen Aufzeichnungen lassen sich die Beschwerden der Arbeiter über niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen und die ausufernden Arbeitszeiten nachlesen, die mit der Automatisierung einher gingen. Die industrielle Revolution sei aber, so Daron, kein Einzelfall in der Geschichte. Viele andere Epochen der Menschheit – das reicht vom europäischen Schiffsbau bis zur Dampfmaschine – veranschaulichen, wie technologische Durchbrüche nicht zu einem allgemeinen höheren Wohlstand führten, sondern nur kleine Gruppen wohlhabender machten und vielen anderen Gruppen eher schadeten. Und, das ist einer der Kernmessages des Vortrags, die Geschichte der Ausbeutung durch technologischen Fortschritt ist noch nicht zu Ende geschrieben, sondern setzt sich bis in die Zukunft fort. Die Fabriken sind zwar moderner geworden, aber von den vielen technologischen Sprüngen der letzten Jahrzehnte haben laut Daron nur kleine Gruppen profitiert. Das Ergebnis: Wachsende Ungleichheit in der Gesellschaft mit all seinen negativen Nebenwirkungen. Besonders ist diese Entwicklung in den USA zu beobachten.

Behavioral Economics News von Gerhard Fehr

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DABEI SEIN

Nicht nur die Produktivität ist entscheidend

Daron ist davon überzeugt, dass neue technologische Entwicklungen nicht zwangsläufig zu Gewinnern und Verlierern in der Gesellschaft führen, wenn man den Einsatz dieser neuen Errungenschaften durch staatliche Regulierung, aber auch durch andere Institutionen wie etwa den Gewerkschaften entsprechend lenke. Ein zentraler Faktor für „Wohlstand für alle“ durch Innovation ist für ihn die Fairness. Das gelte sowohl für die daraus entstehenden Möglichkeiten wie auch die Höhe der Bezahlung. Ein Beispiel dafür sind die Entwicklungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien. Überwog in der frühen Phase der Industriellen Revolution die Ausbeutung der Arbeitskräfte, so kam es laut dem MIT-Forscher schon bald zu einem Umdenken bei den Unternehmen. Warum? Aus Sorge vor dem Verlust qualifizierter Arbeitskräfte wurden die Arbeitsverhältnisse deutlich verbessert und die Löhne angehoben. Von diesen marktwirtschaftlichen Prinzipien profitierten laut Daron beide Seiten: Die Unternehmen von motivierten sowie produktiveren Arbeitnehmern und die Arbeiter von einer höheren Bezahlung bei besseren Bedingungen.

Künstliche Intelligenz wird unsere Zukunft nachhaltig verändern

The next big thing sei nun Künstliche Intelligenz. Wenn KI demselben Zyklus folgt, wie viele Technologien der letzten Jahrzehnte, sei das eine schlechte Nachricht, so der türkischstämmige Forscher. Grund: Zu sehr werde bei KI nur eine Perspektive herausgestrichen, nämlich: „So gut wie oder sogar besser als der Mensch“. Aber Maschinen sollten laut Daron nicht besser, sondern für den Menschen, und für die Gesellschaft nützlich sein. So wie die Computermaus und der Hyperlink aus dieser Perspektive entwickelt wurden, so sollte für die beiden Autoren auch KI für die Menschen einen Nutzen stiften und nicht als Mittel der Knechtschaft verwendet werden.

Technologie wird zu einem Risiko für Demokratien

Immer öfter werden technische Innovationen für die beiden Autoren zu einer Gefahr für die Demokratie. Nahm die Zahl demokratischer Regierungen bis 2006 stetig zu, so ist seit damals eine Abnahme und auch eine zunehmende Dysfunktionalität dieser Regierungsform zu verzeichnen. Das sei laut Daron nicht zuletzt auf die Art, wie Daten gesammelt und genutzt werden, zurückzuführen. Daron ist davon überzeugt, dass heute jene Unternehmen, die die Daten kontrollieren, darüber entschieden, was die Menschen sehen und wie sie denken sollen. Besonders deutlich zeige sich das in autoritären Staaten wie China. Aber es wäre in den USA und in Europa nicht anders, wenn Google und Facebook auch hier die vollständige Kontrolle über die Daten hätten. Daher solle man auch in Betracht ziehen, große Technologiekonzerne wie Facebook, Google und Microsoft zu zerschlagen. Diese auf den ersten Blick drastische Massnahme war für erfahrene Marktwirtschaftler in den 60 Jahren des letzten Jahrhunderts gängige Regulierungspraxis. Einziger Unterschied zu heute ist laut Daron: Die Regulierungsbehörden damals waren auch ausgewiesene Experten der Industrie, die sie regulieren sollten – dieses Know-how sei heute im öffentlichen Bereich nicht mehr vorhanden, sollte aber rasch wieder aufbaubar sein.“ Für den MIT-Experten gestalten diese Unternehmen die Zukunft der Technologie zu sehr nach ihren Vorstellungen, denn ihre Geschäftsmodelle fokussieren hauptsächlich auf die Erfassung von Daten und die Automatisierung, aber zu wenig auf den Menschen selbst. Sehr anschaulich verdeutlichen die beiden Autoren Acemoğlu und Simon in ihrem Werk „Power and Progress. Our 1000-Year Struggle Over Technology & Prosperity“, dass wir den technologischen Wandel neu ausrichten müssen.

Denn eines ist für mich klar: Kunden und damit der Markt entscheidet, welche Technologie dem Einzelnen am besten nützen und er bereit ist, dafür zu zahlen. Wir als Gesellschaft, und damit der Staat hat durch seine demokratischen Prozesse ein großes Wort mitzuentscheiden, was Technologie für uns und die Gesellschaft tun kann und welche Auswirkungen dies auf uns als Menschen hat.

Um Wohlstand für alle durch technologische Innovationen zu schaffen, brauchen wir nicht nur mehr Fachwissen und neue Organisationsformen – sowohl auf staatlicher als auch auf nichtstaatlicher Ebene – sondern auch neue Visionen, wie wir Technologien für uns Menschen nutzen wollen.