Zu wenig Geld, zu wenig Zeit, zu wenig Freunde – wie Mangel das menschliche Verhalten verändert

Mangel beeinflusst den Menschen in seinem Handeln. Er kann die Wahrnehmung reduzieren und das Handlungsvermögen einschränken. Ein neues Buch der Verhaltensökonomen Sendhil Mullainathan und Eldar Shafir sammelt Beispiele und Lösungen zur Thematik.

Zu wenig Geld, zu wenig Zeit, zu wenig Freunde – wie Mangel das menschliche Verhalten verändert

Warum es viel heisst, wenig zu haben – Sendhil Mullainathan, Harvard University, und Eldar Shafir, Princton, haben dazu ein Buch veröffentlicht, das von der Kritik mit grosser Resonanz aufgenommen wurde.

In einem Interview mit der Washington Post erzählt Sendhil Mullainathan über die Auslöser für die Arbeit:

As you know, I’ve been interested in poverty for a long time. This book is an outgrowth of me simply trying to understand U.S. poverty, poverty in the developing world, and another form of poverty, which we don’t really call “poverty” but you might want to call just “financial distress,” which many Americans are actually feeling because of this recession.

Armut verändert etwas in den Köpfen der Menschen. Es ist relativ egal, was konkret fehlt – Geld, Kalorien, Zeit oder sozialer Austausch –, der Mangel löst ein „scarcity mindset“ aus. Er erschöpft die Selbstbeherrschung, macht impulsiv – und manchmal ein bisschen dumm.

Dieses Phänomen kann durchaus Vorteile haben. Je näher Deadlines rücken, desto stärker fokussiert man die Fertigstellung des Projekts. Ausserdem schärft der durch Mangel hervorgerufene Tunnelblick die Sinne: Eine Münze, eine Minute oder ein Lächeln, je nachdem, woran es dem Individuum am meisten fehlt – einsame Menschen sind meist besser im Entschlüsseln von Emotionen, Arme können Kosten besser einschätzen.

Der negative Begleiter des Tunnelblicks ist die einhergehende Lähmung im Denken. Armut saugt an der Willenskraft – die Autoren sprechen von einer Einschränkung der „geistigen Bandbreite“ (mental bandwith). Indische Zuckerrohrbauern schnitten beispielsweise bei Intelligenztests vor der Ernte, als sie noch knapp bei Kasse waren, schlechter ab als danach. Das Gefühl von Armut lässt den IQ so stark abfallen wie nach einer schlaflosen Nacht.

Menschen ohne Geld müssen sich intensiv mit den Konsequenzen ihrer wirtschaftlichen Ausgaben beschäftigten. Eine Autoreparatur um die 1.000 Dollar etwa ist für wohlhabende Menschen ein Mückenstich. und für Arme existenzbedrohend.

Die Angst, ohne Freunde durchs Leben zu gehen, liess Probanden eines Experiments schneller zu Schokoladekeksen greifen. Sechstklässler, deren Klassenzimmer neben einer lauten Bahnlinie lag, konnten sich durch die „kognitive Belastung“ des Lärms nicht ausreichend konzentrieren und landeten ein ganzes Jahr hinter ihren Kollegen, die in einer ruhigen Umgebung die Schulbank drückten.

Knappheit erzeugt Knappheit

Mangel kann eine Schwächung des Willens bewirken und eine Teufelsspirale in Bewegung setzen, so die Autoren. Zahlreiche Menschen in Entwicklungsländern würden deshalb ihre Felder vernachlässigen, die Hände nicht waschen, Kinder nicht impfen lassen oder kontaminiertes Wasser trinken. Die ausgeklügelten Lösungsansätze zu diesen Problemen seien von vorneherein zum Scheitern verurteilt, da die Betroffenen in ihrer Armut wenig Durchhaltekraft aufbringen können.

In Mullainathan und Shafirs Werk wird eine ganze Reihe an Lösungen aufgezählt, um den mentalen Auswirkungen der Knappheit ein Schnippchen zu schlagen: Pillendosen, die leuchten, um sich in Erinnerung zu rufen, Sparkarten in der Nähe von Supermarktkassen, die wie Lotterielose aussehen, aber das „impulsiv“ investierte Geld auf des Konto des Kunden überweisen. Private Pensionssparpläne, für die sich Angestellte beim Firmeneintritt automatisch einschreiben und nur durch ein „Opt Out“ abmelden können.

Natürlich variiert der Zusammenhang von Mangel und einer folgenden Verengung der Wahrnehmung von Mensch zu Mensch und ist ausserdem situationsabhängig. Dazu auch Cass R. Sunstein in einer lesenswerten Rezension des Buches in der der New York Review of Books:

But there is an immediate question, which is whether their real topic is stress rather than scarcity. We might well think that stress is scarcity’s most important psychological consequence, and that it accounts for many and perhaps most of their findings. The point might be right, but stress can occur in the absence of scarcity, and scarcity can occupy people’s minds even if they are not particularly stressed.

Quellen:

  • In diesem Bereich sage ich hiermit erdrutschartigen paradigmenverändernden neuroökonomischen Erkenntnisfortschritt voraus!