Altruistic Punishment im Sinne der Allgemeinheit: Warum grobe Verstösse seltener geahndet werden als kleine

Bei kleinen Vergehen wie achtlos weggeworfenem Müll engagieren sich viele Menschen für die Allgemeinheit und weisen den Übertäter zurecht. Doch wie sieht es bei gröberen Normverletzungen aus?

Altruistic Punishment im Sinne der Allgemeinheit: Warum grobe Verstösse seltener geahndet werden als kleine

Ein Pappbecher kann schon mal knapp neben der Mülltonne landen. Falls es so wirkt, als wäre der Vorbesitzer aus Versehen zu nachlässig mit der Entsorgung seines Abfalls umgegangen, hilft meistens eine freundliche Abmahnung. Genannt: Zivilcourage. Was aber, wenn besagte Person einen ganzen Müllsack mit voller Absicht vor die Füsse der anderen fallen lässt? Oder die kaputte Waschmaschine im Wald entsorgt, und die Nachbarn über dieses Tun Bescheid wissen – wird der Betreffende bei diesem ungleich schwereren Vergehen auch heftiger zurecht gewiesen?

Diese Annahme läge zumindest nahe. Doch die Wahrscheinlichkeit einer Bestrafung im Sinne der Allgemeinheit (altruistic punishment) sinkt mit dem Schweregrad der Verfehlung. Das hat eine kürzlich in “Nature” publizierte Studie herausgefunden. Bettina Rockenbach, eine Kölner Professorin für Experimentelle Ökonomie und Verhaltensökonomie, beobachtete gemeinsam mit ihren Kollegen Loukas Balafoutas und Nikos Nikiforakis 800 Fälle von Reaktionen Reisender auf deutschen Bahnhöfen, nachdem vor ihren Augen Müll in entweder kleinerem (ein Kaffeebecher) oder grösserem Ausmass (eine Papiertüte) auf den Bahnsteig geworfen wurde.

Es gibt Grenzen

Die Annahme, dass grössere Regelverstösse zu steigender Bereitschaft für altruistic punishment führen würden, bestätigte sich dabei nicht:

Die implizite Annahme war, dass die Reaktionen heftiger ausfallen, wenn mehr Müll liegenbleibt, die Übertretung also extremer ausfällt – ein Prinzip, das angefangen beim biblischen „Auge um Auge“ bis zur modernen Rechtsphilosophie der gerechten Strafe allgemein verbreitet ist und auch in Laborexperimenten nachgewiesen werden konnte. Der Umfang der Verschmutzung war jedoch weder ein Indikator für die Wahrscheinlichkeit noch für die Intensität einer Rüge durch die anwesenden Personen.

Er scheint, dass extremere Verstösse gegen Regeln zwar starke negative Emotionen auslösen, vor einer entsprechenden Ahndung aber eher abgesehen wird. Die Wissenschaftler vermuten, dass dies auf die Angst vor Vergeltung zurückgeführt werden kann – die “soziale Selbstregulation” scheint einfach Grenzen zu haben.

Quelle: Loukas Balafoutas, Nikos Nikiforakis, Bettina Rockenbach, Altruistic punishment does not increase with the severity of norm violations in the field, nature.com, 1. November 2016

  • www.FlorianWillet.com

    “Die Wissenschaftler vermuten”…
    Ich kann nicht jeden Artikel selbst lesen. Wird auch ein evolutionsspieltheoretisches Modell für diese Vermutung angeboten?
    Falls nein… Ähnliches ist anderweitig nachlesbar.
    In “The Social Swan – where Kahneman, Taleb and Darwin meet Marx”.