FehrAdvice präsentiert «The Behavioral Economics Guide 2014»

Wir freuen uns, Ihnen den soeben erschienenen «Behavioral Economics Guide 2014» präsentieren zu dürfen – Pflichtlektüre für alle, die an effektiven Behavioral Change-Applikationen interessiert sind.

FehrAdvice präsentiert «The Behavioral Economics Guide 2014»

Neben einem Vorwort der Ökonomen George Löwenstein und Rory Sutherland bietet der “Behavioral Economics Guide 2014” nicht nur eine Einführung in die Verhaltensökonomie. Er zeigt auch in mehreren Aufsätzen, wie die Lehren aus verhaltensökonomischen Experimenten in effektive Behavioral Change-Applikationen übersetzt werden können – zum Beispiel im Beitrag “The Behavioral Change Matrix – A Tool for Evidence-Based Policy Making” von Gerhard Fehr, Alain Kamm und Moritz Jäger von FehrAdvice & Partners AG.

Der “Behavioral Economics Guide 2014” steht Ihnen via Link am Ende dieses Artikels als Download zur Verfügung.

Download (PDF, 2.46MB)

Behavioral Economics Guide downloaden

  • Linus Huber

    “Korruptes” Verhalten (Verhalten zwecks Erreichen persönlicher Vorteile der Entscheidungsträger) der Regierungen kann gut erkennbar (z.B. in China, Russland) oder gut getarnt (z.B. in meisten westlichen Regierungen, welche offiziell immer zum Wohle der Bevölkerung handeln) ablaufen. Welches System ist stabiler und wird von der Bevölkerung bevorzugt? Nach den zur Verfügung stehenden Umfragen ist das Vertrauen in die als korrupt klassifizierten Regierungen bedeutend höher. Worauf beruht dieser Umstand?

    Bemühungen die Bevölkerung vertuscht zu manipulieren resultiert in reduziertem Vertrauen in die Entscheidungsträger. “Nudging” ist genau solch ein Instrument zur vertuschten Manipulation, erscheint oberflächlich betrachtet als harmlos, jedoch Menschen spüren intuitiv, wenn sie manipuliert werden und mögen es nicht.

  • Linus Huber

    Das eigentliche Ziel von “Behavioral Economics” liegt darin, die gegenwärtige Machtkonzentration durch entsprechende Manipulation der Subjekte (Bevölkerung) weiter auszubauen und die Gesellschaft möglichst gleichgepolt auszurichten. Die Idee versucht zu implizieren, dass etwelche Bürokraten/Politiker über höher liegende moralische und ethische Attribute verfügen, als der Durchschnitt der Bevölkerung, welche sozusagen zu positiven Handeln bewegt werden soll. Dass dies nicht der Fall ist, sollte jedem, welcher sich in solchen Kreisen je bewegte, klar sein (hochtrabende ethische Grundsätze entbehren der Glaubwürdigkeit, wenn nicht durch Verhalten auf persönlicher Ebene gelebt); das eigentliche Gegenteil dürfte eher der Fall sein. Das Gefühl für Recht und Unrecht ist eine intuitive Eigenschaft, welche in jedem Menschen vertreten ist, und beruht keineswegs auf Bildung sondern eher auf kulturbedingten Werten, welche sich in der Kindheit formieren.

    Die Bevölkerung muss nicht durch “nudging” noch weiter infantilisiert werden, sondern es ist notwendig, Selbstverantwortung, gegenseitiges Vertrauen und Freiheit zu stärken, ansonsten die Gesellschaft durch die angestrebte Anonymisierung der Entscheidungswege sich immer stärker entfremdet, was das gegenseitige Vertrauen untergräbt. Vielleicht ist bald einmal der Zeitpunkt gekommen, an welchem das Dezentralisieren und das Verschieben von Entscheidungen auf eine tiefere Hierarchiestufe, was als entgegengesetzte Pendelbewegung zur Zentralisierung zu betrachten ist, als gesellschaftlicher Wunsch erkennbar wird.

    • Gerhard Fehr

      Sehr geehrter Herr Huber,

      danke vielmals für Ihren Kommentar. Ich möchte Ihnen gerne folgendes Feedback geben:

      1. ” ist notwendig, Selbstverantwortung, gegenseitiges Vertrauen und Freiheit zu stärken, ansonsten die Gesellschaft durch die angestrebte Anonymisierung der Entscheidungswege sich immer stärker entfremdet, was das gegenseitige Vertrauen untergräbt. ”

      Antwort:Ich bin hier 100% Ihrer Meinung und glaube, dass harte Regulierungspolitik oft nicht dazu beiträgt, Selbstverantwortung, gegenseitiges Vertrauen und Freiheit zu stärken. Eigenverantwortung ist ein Grundprinzip der liberalen Idee eines mündigen, selbstbestimmten Menschen. Wir wissen aber, dass es uns in manchen Situationen schwerer fällt, selbstverantwortlich zu agieren als in anderen. Rauchen in öffentlichen Lokalen, Altersvorsorge oder freiwillige Krankenversicherung sind dafür gute Beispiele. Falls fehlende Eigenverantwortung hohe gesellschaftliche Kosten mit sich bringt, muss man sich fragen, ob wir (die Gesellschaft, der Bürger) bereit sind, diese Kosten zu tragen. Falls nein, stellen in manchen Situationen sanfte Stupser eine liberalere Lösung dar als Verbote.

      2. “ist bald einmal der Zeitpunkt gekommen, an welchem das Dezentralisieren und das Verschieben von Entscheidungen auf eine tiefere Hierarchiestufe, was als entgegengesetzte Pendelbewegung zur Zentralisierung zu betrachten ist, als gesellschaftlicher Wunsch erkennbar wird.

      Antwort: Auch hier – je dezentraler die Entscheidungen und das Konsequenzenmanagement bei Verhalten, welches von der Gesellschaft nicht akzeptiert wird, getroffen bzw. durchgeführt wird, desto “fairer” und “effizienter” funktioniert das gesellschaftliche Zusammenleben. Dies sind wichtigste Bestandteile von Wohlstand und sozialem Frieden in einem Staat.

      3. Das eigentliche Ziel von “Behavioral Economics” liegt darin, die gegenwärtige Machtkonzentration durch entsprechende Manipulation der Subjekte (Bevölkerung) weiter auszubauen und die Gesellschaft möglichst gleichgepolt auszurichten – diese Schlussfolgerung ist nicht nachvollziehbar.

      Antwort: Behavioral Economics ist eine Tool-Box, die per se keine ideologische Richtung oder explizite Politikziele verfolgt. Sanfte Stupser sind ein kleiner Bereich der Tool-Box der Verhaltensökonomie. Ich verweise hier sehr gerne auf mein Interview in der NZZ (http://www.nzz.ch/wissenschaft/bildung/manchmal-brauchen-wir-den-sanften-druck-1.18259264), welches die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen von “Nudges” erklärt.

      4. Die Idee versucht zu implizieren, dass etwelche Bürokraten/Politiker über höher liegende moralische und ethische Attribute verfügen, als der Durchschnitt der Bevölkerung, welche sozusagen zu positiven Handeln bewegt werden soll.

      Antwort: Keinesfalls! Bürokraten/Politiker verfügen weder über höher liegende moralische und ethische Standard, noch sind sie in der Regel die besseren Entscheidungsträger. Aber es ist ein Fakt, dass sie in Positionen gewählt oder ernannt wurden, in den sie erhebliche Entscheidungsmacht geniessen. Und da gilt: Jede Art des politischen Interventionsdesigns – von harten Regeln, sanftem Paternalismus oder einfachen Empfehlungen – muss immer im Spannungsfeld dieser politischen Macht evaluiert werden. Wichtig dabei ist aber: Man kann nicht nicht beeinflussen oder – negativ ausgedrückt – «manipulieren». Jede Art der Intervention, auch die Nichtintervention, führt zu einem Verhalten der Menschen. Die Frage, die sich zumindest in einem demokratischen System stellt, ist, ob dieses Verhalten im gesellschaftlichen Kontext, sprich für eine Mehrheit, erwünscht ist und die mit dem Verhalten in Verbindung stehenden Kosten von der Bevölkerung langfristig getragen werden wollen.

      4. Dass dies nicht der Fall ist, sollte jedem, welcher sich in solchen Kreisen je bewegte, klar sein (hochtrabende ethische Grundsätze entbehren der Glaubwürdigkeit, wenn nicht durch Verhalten auf persönlicher Ebene gelebt); das eigentliche Gegenteil dürfte eher der Fall sein.

      Antwort: Sie sprechen hier die Integrität der Politiker und der Verwaltung an. Die basisdemokratischen, föderalistischen Grundsätze der Schweizer Demokratie sind einerseits ein Garant, andererseits ein Ventil, welches es den Bürgern und der Bevölkerung ermöglicht, hohes & nachhaltiges Vertrauen (beinahe) allen Schweizer Institutionen entgegenzubringen (auch der Politik und (fast) allen Politikern). Hier gilt insbesondere, dass “stanfte Stupser” nicht (nachhaltig) funktionieren, wenn es eine generelle Ablehnung der Bevölkerung (Zielgruppe) für die politischen Massnahmen gibt, welche erreicht/umgesetzt werden sollen. Wenn ich zum Beispiel beobachte, mit welchem (tw. unsinnigen) Aufwand Gemeinden, Kantone und der Bund das tägliche Verschmutzen der öffentlichen Räume in der Schweiz bekämpfen, welche Ressourcenverschwendung öffentlicher Gelder zu offensichtlich “keinen oder marginalen” Verbesserungen führen, ist es doch angemessen, darüber nachzudenken, wie Littering effizient verhindert werden kann, ohne die Freiheit der Bürger einzuschränken, die nicht littern und nicht von diesen Massnahmen tangiert werden wollen – ein paar sanfte Stupser helfen da in verschiedenen Situationen sehr schnell und sparen dazu noch sehr viel Steuergelder (siehe auch http://www.littering-schweiz.ch)

      5. Das Gefühl für Recht und Unrecht ist eine intuitive Eigenschaft, welche in jedem Menschen vertreten ist, und beruht keineswegs auf Bildung sondern eher auf kulturbedingten Werten, welche sich in der Kindheit formieren.

      Antwort: Hier bin ich (mit kleinen, aber völlig unwesentlichen Einschränkungen) selbiger Meinung. Die gesellschaftlichen Kosten dieser These können zumindest anekdotisch beim “Fall Carlos” beobachtet werden. Dies ist ein gutes Beispiel eines persönlichen (für Carlos selber), aber auch gesellschaftspolitischen Supergaus.

      Ich freue mich auf Ihr Feedback und verbleibe mit herzlichen Grüssen

      Gerhard Fehr

      Ps: Im Sinne einer speditiven Anwowrt, stelle ich den obigen Kommentar live, ohne dass er gegen gelesen wurde. Die derzeit noch vorhanden Lücken in Orthographie und Syntax werden während des heutigen Tages behoben – danke für Ihr Verständnis.

      • Linus Huber

        Sehr geehrter Herr Fehr

        Besten Dank für Ihre Antwort.

        Das Problem, welches sich stellt, liegt darin, dass der Umfang meiner Ausführungen wohl den Rahmen dieses Forums überschreiten dürfte, trotzdem lassen Sie mich versuchen, auf einige Ihrer Argumente einzugehen.

        Natürlicherweise führen Sie Beispiele von “nudging” auf, in welchen ein offensichtlicher Vorteil für die Gesellschaft zu bestehen scheint. Trotzdem werden dadurch die Selbstverantwortung des Bürgers untergraben, was langfristig eine heute nicht erkennbare Veränderung gesellschaftlichen Verhaltens erwirken dürfte und die Machtkonzentration festigt. Es gibt auch natürlich stattfindende Massregelungen, welche auf gesellschaftlicher Ebene ohne den Einfluss der machtanstrebenden Regierung ablaufen, wie z.B. Ächtung und soziale Ausgrenzung. Ebenfalls reduziert sich das Selbstverständnis des sich grundsätzlich gesellschaftlich verantwortlichen Verhaltens im Einzelnen, denn es gilt zunehmend einzig die durch die Regierung festgelegten Regeln einzuhalten und alles ausserhalb dieses Rahmens wird als zulässiges, respektive gesellschaftlich akzeptiertes Verhalten betrachtet. Ebenfalls wird “nudging” gerne als eine Vorbereitungsphase der Bevormundung (Konditionierung) der Bevölkerung verwendet um danach Zwang einzusetzen. Überlegen Sie sich einmal, wie viele Programme heute als selbstverständlich betrachtet werden, ohne deren Sinn und Zweck noch zu hinterfragen, selbst wenn sie aufgrund des Gesetzes des abnehmenden Ertrages und durch Reflexivität die Regeln der langfristigen Nachhaltigkeit verletzen.

        Sie können hier deklarieren, dass Behavioral Economics eine Tool-Box, die per se keine ideologische Richtung oder explizite Politikziele verfolgt, ist. Dies mag grundsätzlich der Fall sein, wobei es rein aus menschlichen Gründen klar sein dürfte, dass Sie Ihre Tool-Box versuchen zu vermarkten, also all jenen zur Verfügung stellen, welche daran interessiert sind. Damit werden Sie zum Mittäter, den es ist klar, wer genau diese Tool-Box beanspruchen will, nämlich all jene, welche Macht über andere Menschen anstreben. Sie dient damit der weiteren Konzentration und dem Ausbau der bestehenden Machtverhältnisse und in keiner Weise einem möglichen Dezentralisieren.

        “Die Frage, die sich zumindest in einem demokratischen System stellt, ist, ob dieses Verhalten im gesellschaftlichen Kontext, sprich für eine Mehrheit, erwünscht ist und die mit dem Verhalten in Verbindung stehenden Kosten von der Bevölkerung langfristig getragen werden wollen.”

        Hier müssen wir zwischen der Schweiz und anderen Staaten unterscheiden, denn die schweizerische Bevölkerung besitzt aufgrund der direkten Demokratie über ein Mittel, die Machtkonzentration der Regierung nach belieben zu beschneiden, ein Umstand, welcher sie zu den westlichen Scheindemokratien grundsätzlich unterschiedet. Nicht umsonst wird heute das Initiative-Recht zum politischen Thema, da es die Machtkonzentration behindert. Selbst wenn ein gewisses Verhalten erwünschenswert erscheint und von einer Mehrheit der Bevölkerung befürwortet wird, müssen möglichst viele Bereiche der Freiwilligkeit unterliegen, ansonsten sich eine Diktatur der Mehrheit einstellen mag. Weniger Regeln und weniger Einfluss von Regierungen ist grundsätzlich zu begrüssen, denn es sollte selbst Ihnen bewusst sein, wer die Themenkontrolle besitzt und den grössten Einfluss auf den Inhalt und die Formulierung von Gesetzen ausübt; keinesfalls die Bevölkerung sondern in erster Linie die gut vernetzten Vertreter von Grossunternehmen und Banken, welche eine monopolistische Marktsituation (Machtkonzentration) und den Ausbau des Selbstbereicherungssystems versuchen anzustreben. Die Fähigkeit, die Kosten für die Gesellschaft zu evaluieren, welche Sie mit als Grund aufzählen, ist ganz bestimmt und bewiesenermassen nicht bei den auf Macht bedachten Entscheidungsträgern zu finden.

        Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Es ist nicht meine Absicht, Sie persönlich zu kritisieren und ich verteidige Ihr Recht, sich so zu verhalten, wie es Ihnen am meisten dient. Es geht mir einzig darum aufzuzeigen, dass die Komplexität derart hoch ist, dass viele Ökonomen sich und ihre Modelle und Theorien besser ein wenig hinterfragen würden und manch einer als McDonalds-Angestellter der Gesellschaft insgesamt besser diente.