Zwischen Selbstkontrolle und Schuldenfalle – die Psychologie der Kreditkarte

Nicht nur mangelnde Selbstkontrolle verführt uns Menschen oftmals dazu mehr auszugeben als da ist. Es hat auch damit zu tun, dass der Schmerz des Bezahlens bei bargeldlosen Bezahlmitteln nicht so stark ist.

Kreditkarten haben nicht das beste Image, weil sie – so die öffentliche Meinung – dazu verleiten, mehr für Konsum auszugeben, als man sich eigentlich leisten kann. Und gerade junge Menschen würden deshalb durch lockeren Konsum mehr Schulden machen als sie bewältigen könnten.

Wie gefährlich sind Kreditkarten?

Es gibt auch Zahlen, die für diese These sprechen: Eine Untersuchung aus dem Jahr 2004 etwa zeigt, dass knapp 20 Prozent der 18- bis 24-Jährigen in der Schweiz ihr Kaufverhalten schwer kontrollieren können. Und aus anderen Ländern wissen wir, dass meist Kreditkarten dafür verantwortlich gemacht werden. In den USA etwa sind mehr als die Hälfte der Befragten einer Studie der Meinung, dass Kreditkarten in die Schuldenfalle führen.

Aus rationaler Sicht ist diese Aversion gegen Kreditkarten unlogisch: Immerhin bieten sie Zinsvorteile und oft auch Bonuspunkteprogramme. Wer möchte, könnte also das Beste daraus machen. Und doch tun viele Menschen genau das Gegenteil – oder verzichten ganz auf dieses Zahlungsmittel, um nicht in Versuchung zu geraten, mehr auszugeben als sie eigentlich haben.

Um die psychologischen Zusammenhänge dahinter zu verstehen, muss zuerst eine zentrale Frage beantwortet werden: Geben Menschen mit Kreditkarte tatsächlich mehr Geld für Konsumgüter aus als Menschen ohne? Die kurze Antwort aus den experimentellen Studien zum Thema lautet: Ja, das tun sie. Sie kaufen mit deutlich grösserer Wahrscheinlichkeit ein und geben mehr Geld aus, wenn sie mit Kreditkarte anstelle von Bargeld bezahlen können.

Richard Feinberg fand in mehreren Experimenten, dass allein ein deutlich sichtbares Kreditkartenlogo ausreicht, um die Zahlungsbereitschaft von Kunden zu erhöhen.

Barzahlen tut weh

Der Grund für diesen Kreditkarteneffekt liegt in einem psychologischen Phänomen, das auch zusehends in der Ökonomie diskutiert wird: im Schmerz des Bezahlens. Diese psychologischen Kosten sind im Zusammenhang mit Kreditkarten vor allem deshalb interessant, weil sie nicht nur vom Preis abhängen, sondern auch von der Art des Zahlungsinstruments.

Bar zu bezahlen schmerzt Menschen am meisten, weil das Geld physisch sichtbar ist. Wer hingegen mit Kreditkarte zahlt, wird mit dem tatsächlichen Betrag erst am Ende des Monats konfrontiert, noch dazu gesammelt mit allen anderen Kreditkartenausgabe. Das führt nicht nur dazu, dass sich Konsumenten an mit Kreditkarte bezahlte Beträge schlechter erinnern können als an Barausgaben – sie tun auch weniger weh.

Dazu kommt nicht die mangelnde Selbstkontrolle. Dieses Verhaltensmuser sorgt etwa dafür, dass viele Menschen zu wenig sparen, weil sie kurzfristigen Versuchungen erliegen. Auch das kann den Umgang mit Kreditkarten problematisch machen.

Doch das muss nicht so sein. Viele einfache Methoden, um dem Phänomen mangelnder Selbstkontrolle in finanziellen Belangen zu begegnen, sind sogar weit verbreitet: Debitkarten etwa schränken das kurzfristig verfügbare Geld stark ein – und Konsumenten nutzen sie gerne aus genau diesem Grund. Sie geraten dadurch weniger in Versuchung. Ebenfalls könnte man über nach unten anzupassende Kreditlimite nachdenken. Oder vielleicht sogar über Kreditkartenkonten, auf die Kunden im Voraus einzahlen können. Solche Technologien zur Selbstbindung können sich auch kommerziell lohnen. Und in ihrem Kern helfen sie tatsächlich vielen Menschen, die Probleme mit ihrer Selbstkontrolle in den Griff zu bekommen.